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Yen zweimal hoch im Kurs

Yen zweimal hoch im Kurs
Nachschau Berlin Mariendorf, 01.08.2019
 
Die Stute gewinnt mit André Pögel Vorlauf und Finale der Internationalen Derby-Meisterschaft der Amateure und sorgt so für ein tolles Geburtstagsgeschenk für Karin Walter-Mommert. Der Shootingstar-Cup geht an den Lasbeker Hengst Naheed und seinen Trainer Josef Franzl. viermal Michael Nimczyk – Louisa „für Berlin“ – V7+ wieder nicht getroffen
 
Der vierte Tag des Meetings ist seit je her der Tag der Amateure, die vier der zwölf Prüfungen vor der Brust hatten. Die „Aufwärmübung“ vor der 1997 ins Leben gerufenen Internationalen Derby-Meisterschaft der Amateure holten sich wie bei 18:10 erwartet Fionaro und Sarah Kube, die sofort nach dem „Ab“ das Zepter vor Bonanomi CG in die Hand nahmen. Ein Walkover wurde es jedoch nicht, denn auf der Zielgeraden setzte die Bayerin dem Berliner hartnäckig zu, der sich hauchdünn ins Ziel rettete. 
 
Im mit 25.000 Euro höchst dotierten Amateurfahren der Republik hingegen stand die Form Kopf. Der Sieg Volare Gars im chronologisch gesehen ersten und nach Ausschreibung 2. Vorlauf für 3,9fachen Sieg-Einsatz war zunächst alles andere denn eine Überraschung. Ein kleines Kuddelmuddel, das die in zweiter Spur galoppierende Opalis im ersten Bogen auslöste und dessen Leidtragender der außen neben ihr postierte Baxter Hill war, nutzte Thomas Maaßen konsequent, um den Fuchs aus der inneren Falle zu bugsieren. Auf ein Führpferd hatte Super Queen C bzw. Leonie Kalis ohnehin gewartet - nun war‘s eben nicht wie gedacht Baxter Hill, der durch die Todesspur ackern musste, sondern der seit Monaten die exquisite Form haltende Wallach des Stalles Habo. Mit dem ließ sich Deutschlands Amateurchampion die Butter nicht vom Brot kratzen und gewann mit angezogener Handbremse vor der außen fliegenden Gian Luca Pasel, Super Queen C, Baxter Hill und Hedy Beuckenswyk. 
 
Zwei stolze Serien rissen unmittelbar darauf in Vorlauf 1. Neunmal in Folge war Very Special One nicht zu boxen gewesen, doch entpuppte sich Startplatz „1“ als Gift für den Hengst, den man nach den öffentlich kolportierten Transportproblemen von Seiten des Veranstalter zum Schutz der Wetter ruhig hätte ohne Wetten laufen lassen können. Als innerer Dritter hinter Co-Favorit Provenzano und dem wie ein Pfeil in Front geflogenen Hercules Petnic, der die Fahrt enorm drosselte, waren ihm (zu) lange die Hufe gebunden. Als endlich ganz weit außen die Ampel auf Grün sprang, waren die ersten beiden Plätze fast schon vergeben. Wie Peter Platzers Main-Wise-As-Sohn „j.w.d.“ die Beine in die Hand nahm und bis auf eine halbe Länge heranbrauste, war genauso großes Kino, wie Yen aus der Deckung kämpfte wie eine Löwin und für 25,3faches Aufgeld den vom Fleck weg führenden Hercules Petnic in die Knie zwang. Auch dahinter setzte es eine kleine Überraschung, denn Provenzano konnte seine sechsfache Siegesserie nie recht bestätigen und erreichte hinter Indira OE als Fünfter gerade so den Endlauf, den Yen erneut als ziemlich unbeachtete Außenseiterin in Angriff nahm.
„Ich fand die beiden Vorstellungen nach der mehr als einjährigen verletzungsbedingten Pause, nach denen Yen schon abgesungen worden war, nicht so schlecht“, konstatierte Andre Pögel nach dem Vorlauf, „von Startplatz ‚9‘ war die Defensiv-Taktik ohnehin zwingend vorgegeben, und die hat ihr sehr geschmeckt.“ Allein, dem Wettvolk fehlte der wahre Glaube, die auf dem Gestüt Westerau des Dr. Friedrich Gentz zur Welt gekommene große Schwester des im Derby-Trostlauf startenden ManU könne im Finale noch einmal solch einen Husarenritt hinlegen, und schickte sie für 216:10 los. Konnte sie aber doch - und wie! Im ersten Bogen übernahm die blendend aus dem Band gekommene Tochter von Hambletonian-Sieger Scarlet Knight das Sagen vor Hercules Petnic, während Volare Gar gemeinsam mit Hedy Beuckenswyk alle Chancen am Start verstolperte, und konnte ziemlich unbedrängt ihren Stiefel durchziehen. Erstes Stirnrunzeln bei den Wettern, als Peter Platzer mit dem auf utopische 10:10 heruntergehandelten Very Special One in der Todeslage 600 Meter vorm Ziel erstmals nachfassen musste, derweil für Yen die Aktien bis ins Ziel extrem hoch standen. Ganz leicht setzte sie sich zum siebenten Sieg aus gerade mal 19 Starts ab, der ihr Konto auf 32.330 Euro pushte, und bescherte dem Hufschmied seinen zweiten Erfolg in diesem Klassiker: Schon 2002 hatte er mit Speed of Shogun das heißeste Eisen im Feuer gehabt. Aus der Meute der Genasführten hielt Hercules Petnic den Ehrenplatz eisern gegen Very Special One und die lediglich einen Hauch zu spät kommende Gian Luca Pasel fest. Nie den rechten Zugriff auf die vorderen Matadore hatte trotz zweier Zugpferde Baxter Hill, der die letzte Prämie einstrich.
 
Großer Bahnhof und Küsschen für Pferd und Fahrer von Geburtstagskind Karin Walter-Mommert, der „Mutter der Kompanie“ der Mommert-Pferde, die sich kein schöneres sportliches Geschenk vorstellen konnte und spontan den Ertrag ihrer 20-Euro-Siegwette der Kinderkrebshilfe spendete.
 
Andre Pögels Dank galt „Familie Mommert, die mir das Vertrauen geschenkt hat, Yen nach der langen Pause zu steuern, sowie Thomas Holtermann und seinem Team, die einen fantastischen Job gemacht und Yen trotz der vielen und langen Unterbrechungen zurück auf einstige Höhen geführt haben. Aus im Grunde fast zwei Jahren Pause gelingt nur den Wenigsten ein derartiges Comeback.“
 
Der Shootingstar kommt aus Lasbek
 
Der zum zweiten Mal seit seiner Gründung 1997 ohne Vorläufe entschiedene Shootingstar-Cup wurde zum Schaulaufen des Lasbekers Naheed, der mit dem Pfund dreier souveräner Hamburger Saisonerfolge angereist war und die Flüsterpropaganda, er gehe rechtsherum noch einen Tick stärker, „aufm Platz“ gnadenlos unterstrich. Dabei lief’s anders als von Josef Franzl geplant, denn der mächtige Sohn des amerikanischen Super-Vererbers Muscle Hill kam an Tempomacher L’Amicus einfach nicht vorbei und bolzte den Großteil des Wegs mit der Nase im Wind durch die Außenspur. Beim fünften Start „lifetime“ gegen viel erfahrenere Kontrahenten ein nicht unerhebliches Risiko, das der Vierjährige auf die leichte Schulter nahm. Er zerlegte den Leader und gab derart entschlossen Fersengeld, dass auch die übrige Konkurrenz um die besseren Plätze in Form von Ignacio und I can steel nur das staunende Nachsehen hatte. „Weil ich nicht wie gedacht in Front kam, musste er außen rum. Er ist ein enorm starker Bursche, der seinen Weg machen wird und aufgrund seiner Größe sicher noch ein wenig Zeit zur Entwicklung braucht. Ich denke, er ist im nächsten Jahr richtig gut“, gab Lasbeks Gestütstrainer einen Vorgeschmack auf die hoffungsvolle Zukunft Naheeds, der Shootingstar-Vorbilder wie Indio Corner, mit dem sich Franzl erstmals auf der Siegerliste verewigt hat, Celebrate Light, Celestial Dreams, Arc de Triomphe, Indio Corner, Out of the Slums hat.
 
Mit 30 Kandidaten stark nachgefragt war die Zweitauflage des Handicap de Luxe, dessen 1. Vorlauf Start-Ziel von der an Startplatz „8“ mit vollen Segeln lospreschenden Ghislaine dominiert wurde. Michael Nimczyk konnte unterwegs die Fahrt enorm drosseln, so dass die kapitale Stute genug Reserven hatte, sich den über die dritte Schlussbogenspur heran raufenden Longhire knapp, aber sicher vom Leib zu halten. In Abteilung 1 des 2. Vorlaufs vermochte Taj Mahal Diamant den ersten harschen Angriff Escudos auf die Spitze 300 Meter lang abzuwehren, bis Robbin Bot ein Einsehen hatte und den Wallach dahinter einparkte. Im Einlauf behielt der Diamond-Way-Sohn dann doch nach langem Gerangel deutlich vor dem Rest, von dem Kleiner Donner den Handicap-Spezialisten Campione um Platz drei düpierte, um eine halbe Länge die Oberhand.
 
Abteilung 2 wurde von den beim „Ab“ galoppierenden Ring the Bell und Obsession Eden gründlich durchgeschüttelt. Aus Startreihe zwei fand Thomas Panschow für Louisa eine tolle Passage und parkte sie im ersten Bogen als innere Zweite ein. Mitte der Überseite nach außen beordert, nahm sich die fest auf der Derby-Bahn stationierte „gute Louise“ die führende Senorita Diamant zur Brust und marschierte im Einlauf auf und davon - „Bestätigung wie  Belohnung dafür, dass sie kaum einen Mariendorfer Renntag auslässt und fast immer gegen viel stärkere Pferde in den Ring steigt“, wie Quotenschreck Thomas Panschow berichtete, der sich mit der nicht immer ganz einfach zu handhabenden Stute prima eingefummelt hat.
 
Vier Schleifen für den Goldhelm
 
„Auf der Demo“ war im Rennen der Gewinnarmen Cruzado, der aus Startreihe zwei wie ein Messer durch weiche Butter durchs Feld schnitt und in der ersten Kurve auf dem Regiestuhl saß. Dort schlug Michael Nimczyk mit dem Timoko-Sohn nach zwei sehr langsamen Abschnitten für die finalen 500 Meter einen Takt an, dem niemand auch nur annähernd gewachsen war. Wie auf der Parade spazierte der Braune turmhoch überlegen zum ersten und sicher nicht letzten Erfolg seiner gerade erst begonnenen Karriere. Die Hoffnungen der „Königswetter“ waren bereits in der 3. Runde passé, als Manfred Zwiener mit 348:10-Außenseiter Cognac Simoni aus der Deckung den entscheidenden Schnaps spritziger ging als die fürs Tempo zuständige Vorderfrau Flatrate AV.
 
Nach zahlreichen „Longshots“ gab’s zunächst in der Mamma-Mia-Trophy eine Dreierwette zum Abschreiben von der Quotentafel. Start-Ziel aufs Ganze ging Rudi Haller mit Pompano Julian, übernahm im ersten Bogen das Kommando und hielt das Tempo durchweg so hoch, dass Stradivari ebenso wenig zur Attacke schreiten konnte wie der durchweg hinter dem Juliano-Star-Sohn liegende Candyman Hornline. Dass Michael Nimczyk dennoch zum dritten Mal im Winner Circle vorstellig werden sollte, lag an der nachträglichen Herausnahme Pompano Julians, der bei der Kommandoübernahme im ersten Bogen Little Danny über den Senkel gefahren war.
Sieg Nummer vier, zugleich den neunten Streich im Meeting, bescherte dem amtierenden deutschen Champion im unvermeidlichen Match der Franzosen-Traber Birdy de Neuilly. Der Crack der in letzter Zeit kräftig investierenden Anne Lehmann ließ sich über den langen 2500-Meter-Kanten weder von 20 Meter Zulage noch der Todesspur für die letzte Runde schrecken und war längst im sicheren Hafen, als die ewig eingesperrte Erha d‘Antan endlich frei und auf Touren kam.
 
Zufrieden dürfte der Veranstalter bei Kassensturz gewesen sein: Mit „4,5 Mille Plus“ gegenüber 2018 stoppte der wegen der elftägigen Unterbrechung des Meetings vorab nicht unerwartete Abwärtstrend der ersten drei, fast schon in graue Vorzeit entschwundenen Tage. Und weil wiederum niemand alle sieben Sieger der V7+-Wette zu prognostizieren vermochte, wurde ein neuer Jackpot von 8.763,31 Euro generiert, der für eine der nächsten Königsdisziplinen des Wettens den Rubel, der in „modern times“ ein Euro ist, weiter kräftig rollen lassen wird.
 
Umsatz bei 12 Rennen: 307.265,37 Euro (incl. 188.444,92 Euro Außenumsatz)