Orlando Jet - nur fliegen ist schöner

Orlando Jet - nur fliegen ist schöner
Nachschau Berlin-Mariendorf, 27.07.2018


Berlin-Mariendorf, Freitag, 27. Juli 2018. Auch wenn im traditionsreichen Charlie-Mills-Memorial nur sechs Starter an die auf ebenso viele Schecks verteilten 20.000 Euro Prämie wollten, wurde es den Erwartungen auf ein erstes sportliches Highlight des Derby-Meetings 2018, das ja offiziell erst am Samstag eröffnet wird, vollauf gerecht. Orlando Jet, Deutschlands aktuelles und einziges Aushängeschild fürs „ältere“ internationale Parkett, für 10:10 zum Geldwechsel-Kurs angetreten und ganz sicher im Fokus all jener „Jäger“, die sich über die Bank des Renntages ihr üppiges Quantum Anrechtscheine für die große Prämienausspielung um einen nagelneuen PKW sichern wollten, stellte seine riesige Anhängerschar vollauf zufrieden.
 
„Ich war mir im Vorfeld ziemlich sicher, wir würden das Ding nach Hause schaukeln, hatte aber gehörigen Respekt vor Cash Hanover. Ist der auf Hundert und man lässt ihn sein Ding durchziehen, kann es durchaus eine böse Überraschung geben“, verriet der „Haller Rudi“ im Nachgang und ging das Rennen auf die gnadenlos harte Tour an, zumal Michael Nimczyk hatte verlauten lassen, keineswegs vorm großen Namen zu kuschen und sich durchaus eine klitzekleine Chance auszurechnen. Und so donnerten sie denn mit Urgewalt los - ganz innen SJs Junior C, Cash Hanover in der Mitte und Hallers „bestes Pferd, das ich in meiner langen Karriere je hatte“, in dritter Spur. Zu Beginn der ersten Biege bei 1:05,8 für die ersten 300 Meter zog sich Stefan Schoonhoven zurück, doch brauchte der „Jet“ Vollschub bis zu deren Mitte, um endlich an Cash Hanover vorbeizukommen. Danach war der Fisch im Grunde geputzt, denn nach dem irren Anfangstempo konnte Haller die Fahrt deutlich drosseln. Seine behäbig eingetretene zweite Waffe Stark Bi wurde eingangs gegenüber von Josef Franzl in Marsch gesetzt, und nun musste Cash Hanover, wollte er nicht rettungslos eingebaut werden, wohl oder übel selbst in Spur zwei. 
 
Das alles spielte dem von Peter Busch gezüchteten wuchtigen Orlando-Vici-Sohn nur noch effektiver in die Karten. Nach 1:09,2 für die vorletzten setzte es 1:10,4 für die finalen 400 Meter - fertig war in 1:12,5 der 13. Sieg aus lediglich 17 Versuchen, mit dem der braune Bomber, an dessen Manier und Exterieur ganz sicher auch der trabrennsportliche Weltenbürger Charlie Mills seine Freude gehabt hätte, nun 229.599 Euro reich ist. Kein schlechter Schnitt für Einen, den Hallers langjährige österreichische Besitzerfamilie Bauer bei der Derby-Auktion 2014 für ganze 7.500 Euro an Land gezogen hat und der sich nun wieder den fetten Prämientöpfen Frankreichs zuwenden wird: Am 14. August soll er in Enghien sein nächstes Engagement im Prix de la Porte Versailles um 70.000 Euro wahrnehmen, für das er den überaus warmen Applaus der hiesigen Zuschauer mitnimmt. Der Mumm, dem großen Favoriten tapfer die Stirn geboten zu haben, wurde Cash Hanover mit dem sicheren Ehrenplatz vor Stark Bi entgolten.
 
Auch der erste sportliche Höhepunkt war nur mit sechs Aspiranten bestückt, auch er wanderte in weiß-blaue Gefilde. Wobei der mit 7.500 Euro dotierte Derby-Cup der Vierjährigen „aufm Platz“ als echter Langweiler daherkam, denn Pelle Barossso vor Kentucky Bo lautete die Reihenfolge nach 200 wie 1900 Metern. Josef Franzl durfte mit dem verhinderten Derby-Starter 2017 in Seelenruhe schalten und walten, wie er wollte, legte ausgangs des Schlussbogens ein gehöriges Pfund drauf und war durch nichts mehr zu erschüttern. Die krachende Bayern-Doublette vollendete Rudi Haller, der mit Kentucky Bo gut beraten war, dem 1:13,3 auslaufenden Favoriten bei der Kommandoübernahme keinen Stein in den Weg gelegt zu haben. „Ich hoffe, er bleibt endlich mal eine Weile gesund und kann alle zwei, drei Wochen starten. Im Training ist er nämlich kein Weltmeister; er braucht Rennen, damit er mal den Gipfel seiner Kapazitäten erreicht“, hoffte Franzl auf anhaltende Gesundheit für die Zukunft, „immer wieder sind uns kleinere Malaisen dazwischengekommen.“
 
Den Amateuren blieb die erste Siegerschleife der sieben tollen Renntage vorbehalten. In einer „Zuchtmeisterschaft“ der Bins-Traber hielt Sarah Kubes in Schweden registrierter Gonzales Greenwood sich für das kürzlich erlittene Pech schadlos. Nach betulichem Start riss er mit energischem Zwischenspurt einen Kilometer vorm Ziel den Taktstock an sich und widerstand dem Konter seines in Deutschland eingetragenen Verfolgers Miguel Greenwood recht sicher um einen „Hals“, womit das Meeting für Berlins in letzter Zeit ziemlich gebeutelten Thorsten Tietz schwungvoll begann.
 
Genau andersherum lief es unmittelbar danach im Trabreiten, bei dem der ebenso laufgewaltige wie kapriziöse Vrytzen mit seinem 20-Meter-Bandvorteil gar nichts anzufangen wusste und im Mittelfeld verschwand. Umso stärker präsentierte sich der hünenhafte Franzose auf dem zweiten Kilometer, wurde von Sytske de Vries mit aller Finesse ans vordere Duo herangeführt und wischte an dem schon mit dem Sieg liebäugelnden Ramazotti Diamant wuchtig vorbei.
 
Danach waren wieder die Amateure an der Reihe, bei denen Hans-Jürgen von Holdt mit seinem Paradepferd Wildcat Hanseatic der gewiss nicht schlechten Konkurrenz Start-Ziel Saures gab. Für die erst Anfang des Vorjahrs in den Rennbetrieb eingestiegene Sechsjährige war der 13. Volltreffer in 1:13,6/1900m nicht viel mehr als eine schärfere Übungseinheit für die am Donnerstag anstehende Internationale Meisterschaft der Amateure.
 
Das Rendezvous der über 2500 Meter gescheuchten Trotteurs Français wurde eine sichere Beute Michael Nimczyks, der sich aus einem bis zum Schluss zusammenbleibenden Quintett mit dem in Polen von Robert und Magdalena Kieniksman vorbereiteten Diego du Bellay um eine Länge durchsetzte. Viel leichteres Spiel hatte Deutschlands Goldhelm gleich im Anschluss mit Kiss Me Bo, die auch beim vierten Start ihrer spät begonnenen Karriere vorneweg nicht zu ballern war und sich auf 1:15,5 steigerte. Die kleine Schwester der 2013er Stuten-Derby-Fünften Donna Kievitshof, auch sie eien Füchsin mit einer markanten Gesichtszeichnung, offenbarte gehöriges Potential nach oben.
 
Seinen Treffer setzte Berlins Lokalmatador Thorsten Tietz mit Gri Maximus, den er sich immer besser hingebogen hat. Selbst die Todesspur konnte den vierjährigen Wallach nicht bremsen, der sich Frontrenner Chuckaluck souverän zum vierten Sieg in Folge zur Brust nahm. Einen dritten Treffer für das Quartier aus Schöneiche verhinderte im Abschlussrennen die vorneweg wie entfesselt marschierende Opalis, mit der Franz Klein als einziger „Dreistelliger“ bei 114:10 souverän seine Bahnen zog. Jolie Coer bzw. Sarah Kube, die außen rum bei 1:13,8 kein leichtes Amt hatten und letztlich auf Rang vier landeten, musste genauso chancenlos wie alle anderen anerkennen, dass diese Schwarzbraune heute nicht zu kippen war.
 
Kräftig gekippt wurde hingegen der Toto-Umsatz - nach oben. Ein Rennen mehr als 2017, dazu die gerade erst aus der Taufe gehobene V7+-Wette mit einem üppigen Jackpot, Orlando Jet für die Prämienausspielungsjäger - all das ließ den Rubel an den tatsächlichen oder Internet-Wettkassen von rund 160.000 zu 224.000 Euro rollen. 
 
Umsatz bei 9 Rennen: 224.073,59 Euro (incl. 163.678,94 Euro Außenumsatz)
 
Umsatz PMU-Rennen (Rennen 4 bis 7) in Frankreich: 1.093.136 Euro