DREIMAL HOLLAND, EINMAL BAVARIA

DREIMAL HOLLAND, EINMAL BAVARIA
Nachschau Berlin-Mariendorf, 28.07.2018

(mw)  Berlin-Mariendorf, Samstag, 28. Juli 2018. Auf diese Kurzformeln lassen sich die vier Vorläufe zum Arthur-Knauer-Rennen 2018 bringen, womit die für die Setzliste Verantwortlichen im Vorfeld ausgezeichneten Spürsinn bewiesen haben. Die gemeinten Stuten gaben sich lediglich in einem Fall eine kleine Blöße: Allein Laura Vici vermochte sich nicht als Siegerin fürs 30. Stuten-Derby zu empfehlen und schaffte mit Ach und Krach Rang zwei - das lässt ihr nach den erstklassigen Vorstellungen der Siegerinnen nur bedingte Chancen, diese Scharte auszubügeln, wenn es in einer Woche um den großen „Pott“ geht. 

Die etwas ungewöhnlich nach nur einem Start - dem Ehrenplatz im Buddenbrock-Rennen - gesetzte Cahaya wurde im 1. Vorlauf dieser Wertschätzung vollauf gerecht - und das, obwohl ihr die Losfee den äußersten Startplatz „8“ aufgebürdet hatte. Dion Tesselaar riskierte mit der Love-You-Tochter gar nichts, sondern überstellte ihr erst auf der Tribünengeraden aus vierter Stelle den Marschbefehl. Thorsten Tietz war mit Blitzstarterin Girlofmanymissions gut beraten, die 13:10-Favoritin für die Schlussrunde vorbeizulassen, die fortan niemanden mehr in ihrer Nähe duldete und sich in bestechender Manier in 1:13,4 überlegen verabschiedete. An ihrer Vorderfrau Girlofmanymissions, die als Dritte den Endlauf bombensicher erreichte, raufte sich Intouchable locker vorbei.

Kurioserweise musste auch Avalon Mists, die heiße Favoritin auf den Gesamtsieg, in Elimination 2 von der „8“ los - und erledigte die Pflicht vor der großen Kür noch schmuckloser. Robin Bakker kannte kein Erbarmen, ließ die Pastor-Stephen-Tochter vom Fleck weg knattern und wurde von Björn Goop ausgangs der ersten Kurve auf den Regiestuhl durchgewinkt. Nach diesem ersten heftigen Run drosselte Bakker das Tempo enorm, so dass bis auf die kurz nach dem „Ab“ gesprungene Gri Happy Girl das Feld dicht zusammen blieb. Da änderte sich schlagartig, als es „Leinen los“ hieß für die 10:10-Favoritin. Nach 1:14,2 war die Messe souverän vor der vergeblich attackierenden Unicorn Diamant und Nagama, die sich bis zum Schluss tapfer durch Todesspur mühte, in den schönsten Liedern gesungen: „Sie wäre vielleicht auch gut genug fürs ‚große’ Derby, aber wir haben uns bewusst für die vermeintlich leichtere Aufgabe entschieden. Sie ist topsicher und kann speziell am Start noch zügiger loslegen - das wird sie im Finale vermutlich auch müssen. Doch da haben wir auf jeden Fall eine bessere Startnummer“, resümierte Bakker.

Als einzige der Gesetzten sollte es für Adbell-Toddington-Siegerin Laura Vici in Vorlauf 3 nicht zum Sieg reichen, weil Donna Granata sich mit dem „Rudi-Haller-Berlin-Effekt“ in bestechender Verfassung präsentierte. An der sofort in Front gezogenen, „immer etwas faulen“ Corleone-Tochter biss sich die nach einer Runde in die Angriffsspur dirigierte Laura Vici derart gründlich die Zähnchen aus, dass sie für den Ehrenplatz um ein Haar von Trainingsgefährtin Lightning Bo erwischt worden wäre. „Wir haben sie etwas anders zurechtgemacht - das hat sich ausgezahlt“, war des Bayern kurzes Statement zum nicht unbedingt erwarteten Erfolg, der nach 1:13,7 zwei Längen voraus ganz leicht ausfiel.

Den Lapsus Laura Vicis bügelte Isabella Boshoeve im 4. und letzten Qualifier umgehend in einem Stil aus, an dem es nicht das kleinste Fitzelchen zu deuteln gab. Aus dem irren Gefecht um die Spitze zwischen Fitforfun, die im ersten Bogen ausfiel, Olena und der sich letztlich durchsetzenden Brétigny hielt sich Dion Tesselaar mit der heuer in Schweden und Frankreich gestählten Ready-Cash-Tochter nach dem Motto zurück: „Wenn du gegen diese Gegnerinnen früh aufs Ganze gehst und Galopp fährst, hast du gar nichts. Es gilt allein, ohne große Umstände das Finale zu erreichen.“ Als sich der Pulverdampf nach 500 Metern verzogen hatte, machte sich der 49jährige mit viel Verve auf den Weg nach vorn und wurde von Michael Nimczyk 1100 Meter vorm Ziel bereitwillig in Front gelassen. Wie Wiebe Landmans Stute ihr Pensum nach diesem kernigen Zwischenspurt abspulte, hinterließ gehörigen Eindruck. Ohne auch nur im Entferntesten gefordert zu werden, setzte sie sich in erstklassigen 1:13,8 überlegen auf fünf Längen ab. Brétigny, deren großer Bruder Broadwell kurz zuvor mit seinem Sieg im Prix de Milan zu Enghien sein vorläufiges Meisterstück abgegeben hatte, bekam den anfänglichen Kraftakt deutlich zu spüren, wurde immer müder und rettete nicht mal den dritten und letzten Finalplatz, für den sich Lusiana Bo und Olena als die deutlich Munteren erwiesen. 
 
Rayman in Tagesbestzeit 

Vor der feierlichen Eröffnung mit Durchschneiden des Blauen Bandes war „Wewering-Time“ angesagt. Genau wegen solcher Vorstellungen wie mit dem bislang sieglosen Henry Havana, den er erstmals in Händen hatte und auf Anhieb um 2,4 Sekunden verbesserte, ist der ewige Goldhelm zur Legende geworden. „Was war denn da los?“ wurde „Heinz the Champ“ gefragt. „Das Pferd wollte rennen wie der Deibel, und ich hab ihm den Willen gelassen“. Das reichte für den üppigen 145:10-Außenseiter, der den harschen Schlussangriff Drachenbluts ausstand und Heinz Wewering den 16.871. Sieg bescherte - so sich die Statistiker bei der Masse nicht verzählt haben. Der nächste Schocker ließ nicht lange auf sich warten: Nachdem Janika Bo scheinbar souverän voraus 250 Meter vorm Ziel ausfiel und sich die Waage sehr deutlich Local Hero zuneigte, kam auch jener kurz vorm Ziel aus dem Takt, so dass die innen von Herbert Plankl klug geschonte Flying Wings für 329:10 abstaubte und die Phalanx der V7+-Wetter radikal dezimierte. Auch für die Tochter von Derby-Sieger 2002 Lets Go gab’s die erste Siegerschleife der Karriere.

Es blieb Navy Blue und Deutschlands Amateurchampionesse Sarah Kube vorbehalten, im 3. Rennen den Fluch, der über den Favoriten lag, zu brechen. Obwohl sie zur Halbzeit die wohlfeile Lage hinter Tempomacher Falco verließen und ihnen anschließend der äußere Fahrtwind ins Gesicht blies, legten sie den Holländer in einem einsamen Duell vor dem Rest locker zu den Akten. In Abteilung II sprang der schon so oft angesungene Locarno über seinen Schatten - bzw. zog nach zahlreichen Ausfällen mit André Pögel in der Todesspur ohne Fehl und Tadel durch. Des Rätsels Lösung für den kniffligen Burschen, der überlegen in 1:13,6 nach Hause rannte, als kenne er keinen Fehler, war ein Bodenblender, der installiert wurde, damit er sich nicht vor Schatten erschreckt.

Als echter Publikums- und Wetterliebling entpuppte sich RitchiRich Diamant, mit dem Gerd Biendl nach zurückhaltendem Beginn ab der Tribünengeraden als Lokomotive durch die Außenspur dampfte und Mariendorfs Pferd des Jahres 2015 Mighty Hanover, dem Thorsten Tietz zügig die Tête gesichert hatte, mit Augenmaß zu den Akten legte. „Dank seines riesigen Kämpferherzens kann man ihm solch einen Transport durchaus zumuten“, war des oftmaligen bayerischen Champions Resümee, der den mit zunehmendem Alter immer stärker werdenden Conway-Hall-Sohn zum 19. Sieg aus 44 Auftritten führte.

Gelohnt hat sich die weite Anreise aus Dinslaken für Bourgogne, von dem im 1. Vorlauf des Handicap de Luxe lange gar nichts zu sehen war. Als sich die Anhänger des durchweg führenden Kleiner Donner wahlweise Richtung Winner Circle bzw. Auszahlkasse aufmachten, kam weit außen Wolfgang Musga mit dem Sam-Bourbon-Sohn angeflogen und schnappte ihm den Sieg sicher vor der Nase weg. Dass es auch für die „Handicapper“ kein leichtes Amt ist, zeigte die Siegzeit von 1:16,0 für den bei 88:10 notierten Hengst.

Der erste Vergleich des Fahrernachwuchses ging auf die Kappe des Favoriten-Duos Fire Lane und Jan Thirring, das sich aus der Frontlage zum Schluss sputen musste, um nicht von der von Lisa Hanikirsch fein auf Touren gebrachten Tiffany Diamant erwischt zu werden.

Kurz vor Toresschluss hatte auch Thorsten Tietz noch einen messerscharfen Pfeil im Köcher, mit dem nach den letzten Leistungen nicht unbedingt zu rechnen war. Lag es daran, dass sein Züchter Roman Krüger aus der Normandie tags zuvor nach Berlin gereist war? Rayman präsentierte sich in einer wilden Tempojagd, bei der am Ende mit 1:12,7 die schnellste Zeit des heißen Samstags zu Buche stand, kernig wie in besten Tagen. Schon der Griff nach dem Taktstock gegen den mächtig gegenhaltenden Little Danny war nichts für schwache Nerven, doch machte das dem Lets-Go-Sohn gar nichts aus. Erstmals mit Backenfellen ausstaffiert, rannte der Wallach unter Tietz’ energischen Hilfen wie um sein Leben und war auch vom wieder genesenen Tequila F. nicht einzufangen.

Zum guten Ende schepperte es noch mal ordentlich: Come on Scully stand einen Fluchtversuch eisern durch und spendierte den wenigen Glücklichen, die ihr und ihrem Fahrer Georg Kowalski ihr Erspartes anvertraut hatten, mit 921:10 die bisher höchste Sieg-Quote des Meetings.

Der Umsatz blieb um eine Idee unter jenem des Vorjahrs, in dem bei 14 Rennen 321.541 Euro umgesetzt worden waren. Das entspricht einem Schnitt von rund 23.000 Euro im Vergleich zu den 22.616 dieses Samstags.
Umsatz bei 13 Rennen: 294.011,58 Euro (incl. 188.785,13 Euro Außenumsatz)