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Oranje - ganz weit oben

Oranje - ganz weit oben
Nachschau Berlin-Mariendorf, 29.07.2017



(mw) Sonntag, 29. Juli 2018.   Es ist angerichtet für das höchstdotierte deutsche Trabrennen des Jahres, das am kommenden Sonntag zum 123. Mal entschiedene Derby. Was die Auguren im Vorfeld von den vier Qualifiern erwartet hatten, wurde hinsichtlich eines Faktums gar noch übertroffen. Man muss kein großartiger Prophet sein, um zu vermuten, dass am 5. August zum sechsten Mal in Folge im Winner Circle niederländischer Zungenschlag dominiert. Neun der zwölf Finalisten kommen aus dem Nachbarland: Je drei aus dem Quartier Paul Hagoorts, das zwei Vorläufe und einen Ehrenplatz an seine Fahne heftete, und Dion Tesselaar, der das Kunststück mit drei dritten Plätzen schaffte. Einzelkämpfer sind der im Speed als Zweiter restlos überzeugende „adlige“ Velten von Polly (Hugo Langeweg), der erneut ungemein beeindruckende Very Impressie S (I., Cees Kamminga) sowie Inspector Bros (II., Stefan Schoonhoven). Und weil Altmeister Jean-Pierre Dubois den in der Normandie vorbereiteten Laurel Park (II.) weiterbrachte, stemmen sich diesen Zehn mit Ulrich Mommerts und Hans Brockers Chapter One, dem es vor allem zuzutrauen ist, die Phalanx dieser fremden Armada aufzubrechen, sowie Marion Jauß’ Standbyme lediglich zwei hierzulande trainierte Aspiranten entgegen.
 
Der Vorlauf-Reigen begann mit einem Knaller. Der im Vorfeld selbst für den Derby-Sieg hoch gehandelte Emilion bzw. seine Entourage bekamen knallhart unter die Nase gerieben, dass ein Sicherheitsstart, wie ihn Michael Nimczyk dem Sam-Bourbon-Sohn verschrieb, mit rund 30 Meter Bodenverlust ein zu großes Handicap ist, wenn die Anderen wie geschehen nicht auf ihn warten. Ids Boko, von dem Trainer Paul Hagoort meinte, das Derby käme für ihn vielleicht zwei, drei Wochen zu früh, setzte sich gegen Jean-Pierre Dubois’ Laurel Park fürs Kommando durch und „never looked back“. Emilion war etwa zur Halbzeit dran am Feld und wurde eingangs gegenüber in Spur drei dirigiert, wo der von Dubois senior gezüchtete Hengst aus dem Hause Mommert bei dem enormen Knast nur mühsam vorankam und seine Derby-Ambitionen als Vierter sogar komplett begraben musste. In sagenhaften 1:12,1  - Berliner Saisonrekord und deutscher Mitteldistanz-Rekord für dreijährige Wallache - ließ Ids Boko den Angriff des prima durchstehenden Laurel Park locker um eine Länge an sich abtropfen; 2½ weitere Längen zurück war Platz drei und damit die erste Niederlage seines jungen Arbeitslebens für Dion Tesselaars Crazy and Quick durchaus ein kleines Ruhmesblatt, das mit der Endlauffahrkarte belohnt wurde.
 
Der nächste Paukenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Cees Kamminga ließ sich in Qualifier 2 von der Hetzjagd, die der nach einer Runde in Front springende Iron Transs R und dessen Verfolger Charmeur Royal anzettelten, mit dem Geldwechsler Very Impressive S nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen. Vorsichtig ins Match gebracht, machte sich der Schwarzbraune in der Außenspur auf die Verfolgung der Flüchtlinge, baute den Buddenbrock-Sieger nach einer Runde dahinter für 300 Meter auf und wechselte im Scheitel der letzten Kurve nach außen. Wie eine Windsbraut zog er drückend überlegen in 1:12,6 über Charmeur Royal hinweg und warf mit dem dritten Berliner Sieg in Folge seinen Hut höchst nachdrücklich in den Derby-Ring. Fürs dritte Finalbillett kämpfte Standbyme den gerade mal 320 Euro reichen Great Gatsby As mit Ach und Krach nieder.
Endlich mal ein deutsches Kapitel schlug Chapter One in Vorlauf 3 auf, der beim Sieg im Adbell-Toddington-Rennen einem Very Impressive S das Nachsehen gegeben hatte. Mit ihm ging Michael Nimczyk sofort volles Risiko, mischte sich kräftig in den zwischen City Guide und Officer Stephen tobenden Zweikampf um die Spitze ein, den City Guide mit einem 13 Sprünge umfassenden Fehler im ersten Bogen beendete, und übernahm nach 500 Metern die Spitze, „womit die halbe Miete schon drin war“, wie Trainer Wolfgang Nimczyk im Nachgang bestätigte. Die ganze wurde es mit Beginn der Zielgeraden, als Deutschlands Goldhelm ihm den Kopf freigab. Im Sturmschritt setzte er sich in 1:13,6 klar und deutlich von Inspector Bros und Officer Stephen ab, der dem nach seinem Fehler zügig in die Todesspur dirigierten City Guide um Haaresbreite widerstand.
 
Nach dem Motto „Der Beste zum Schluss“ hatte der BTV Mister F Daags Vorlauf als Nummer 4 angesetzt, und der haushohe Favorit auf das Blaue Band ließ sich nicht lumpen. Robin Bakker hatte mit dem Hagoort-Schützling am Start einige Probleme, so dass sich zunächst die Anderen kräftig ins Zeug legen konnten. Dennoch kam der Sohn der Miss Love, der sich die Rennhärte heuer ausschließlich in Frankreich geholt hat, nach 500 Metern im zweiten Paar außen unter - idealer konnte es für den 10:10-Geldwechsler nicht laufen. 600 Meter vorm Ziel machte Bakker das erste Mal ein bisschen Ernst, umflankte sein Zugpferd Ibra Boko wie nix und legte sich an die Flanke des Leaders Fabio de Pervenche. Bis Mitte des Einlaufs blieb er mit diesem auf Augenhöhe und stiefelte dann aus der Hand locker-flockig in starken 1:12,8 ab. Den totalen holländischen Triumph komplettierte der ganz spät eingesetzte Velten von Polly, der mit Hugo Langeweg dem tapferen Tempomacher die zweite Prämie stahl und eine kleine deutsche Note ins Spiel brachte: Besitzerin ist die seit Jahrzehnten überaus engagierte Sigrid Velten. Ein Haar in der Siegersuppe fand Robin Bakker doch: „Am Start gefiel er mir gar nicht, nahm nicht genug Tempo auf und rumpelte sogar kurz. Wollen wir im Derby eine Chance haben, müssen wird das schleunigst abstellen - dafür ist der Trainer zuständig!“
 
Zauni - Deutschlands Sattelkönig
 
Einen weißen Fleck in ihrer langen Erfolgsliste tilgte Ronja Walter im zum sechsten Mal ausgetragenen Derby-Monté um stolze 20.000 Euro, in dem sie ihrem Zauni vorab kaum Chancen gegen die französisch- schwedischen Spezialisten ausgerechnet hatte. Doch der seit dieser Saison ausschließlich - und das mit immensem Erfolg - unterm Sattel eingesetzte St-Leger-Sieger der Saison 2016 fand viel besser in die Hufe als befürchtet, konnte nach 600 Metern in dritter Spur hinter dem sich kräftig beharkenden Schweden-Duo Victorious Star innen und Star Advisor Joli einparken und hatte, als der Fuchs die Todesspur mehr und mehr spürte, nur noch den Lugauer-Schützling vor der Nase. Der zeigte unter Zaunis wachsendem Druck 100 Meter vorm Ziel deutliche Wirkung und wurde von ihm um zwei Längen weggebürstet. „Obwohl er am Start mehrmals einen Fehler andeutete, lief doch alles gut ab, und einen besseren Verlauf hätte ich mir auf den letzten 1000 Metern nicht wünschen können. Wie er sich in seine Aufgaben reinhängt, ist einfach bombastisch“, war Deutschlands Monté-Königin nach ihrem insgesamt 98. Sieg zu Freudentränen gerührt.
 
Heinz Wewering - ein putzmunterer Oldie
Acht Piloten mit zusammen mehr als 30.000 Siegen trafen sich im Derby-Pokal der Oldies, der das Rennen jenes Mannes wurde, der lange Zeit mit 707 Saison- sowie später mit Gesamt-Siegen die Rangliste aller Professionals weltweit angeführt hat und derzeit bei Numero 16.872 angekommen ist (mehr hat lediglich der Amerikaner Dave Palone auf dem Kerbholz): Heinz Wewering. Es war ein Verlauf so recht nach dem Geschmack des 68jährigen „ewigen Goldhelms“, der Unstoppable mit dem ersten Schritt derart unerbittlich kesseln ließ, dass der Rest spätestens auf der Zielgeraden nur das staunende Nachsehen hatte. Der „Oldie but Goldie“ verpasste dem fürwahr nicht zu stoppenden, sonst von Schwiegersohn Robbin Bot chauffierten Zola-Boko-Sohn als Nebenprodukt mit 1:13,1 eine neue Hausmarke. Ex-Europameister Manfred Zwiener befriedigte seine Berliner Fans mit Rang zwei durch Late Night Show, Gerd Biendl rettete sich mit der lange außen rum marschierenden Marie Galante zu „Bronze“.
 
Wie im Vorjahr ein Sieg für die TraberParti
 
Richtig voll im Winner Circle wurde es nach dem 11. Rennen, in dem Hannah Hazelaar, das Pferd mit den 350 TraberParti-Besitzern, eine im Grunde nicht mehr zu gewinnende Partie mit einer tollen Speedshow doch noch zu ihren Gunsten hinbog. Durch ständige Führungswechsel bis an die letzte Position zurückgeschoben, nutzte Michael Nimczyk mit eisernen Nerven die gegenüber in dritter Spur vorrückende Hélène des Moères als Lokomotive. Wer unterwegs nicht viel investieren muss, hat am Ende reichlich in petto - und das hatte die brave Hannah unter dem Jubel ihrer Besitzer mit verblüffender Leichtigkeit: „Sie wird immer besser und ist für die Idee, mit einem Traber Viele glücklich zu machen, das ideale Pferd. Keine Bange - wir haben in punkto Beschlag- und Ausrüstungsvariationen noch einiges in der Hinterhand, so dass wir noch lange nicht das Ende der Erfolgsstange gesehen haben“, war des Goldhelms Statement über die Lady, die sich um 1,2 Sekunden auf 1:14,5 steigerte.
 
Vor dem 1. Derby-Vorlauf wurde dem Publikum eher sportliche Schonkost geboten, denn sowohl beim Sieg der mit Roland Hülskath sofort in Front gedüsten Ivonne Dragon wie bei jenem Gian Luca Pasels, die sich endlich wieder ihrer Top-Form vor zwölf Monaten erinnerte und mit Ersatzmann Michael Nimczyk Richard Parker niederrang, war doch reichlich Sand im Getriebe der Anderen. Zumindest bis zum Ziel spannender machte es der Berliner Krabat, mit dem Manfred Zwiener den von Gerhard Mayr angekündigten Iceman Bo in Abteilung 1 des 2. Handicap-de-Luxe-Vorlaufs eiskalt mit Augenmaß einsammelte. In Abteilung 2 scheiterte er mit der braven Jilliane knapp an Apollonia, mit der Michael Nimczyk eine Runde vor Schluss die Regie übernahm und bis zum Pfosten alle Hände voll zu tun hatte, die nicht überzeugende Sechsjährige zusammenzuhalten.
 
Startnummer „1“ war für Dr. Marie Lindinger in einem der vielen Derby-Pokale der Amateure Programm. Die Pole Position ließ sie sich mit Atlantic CG auf keinem Meter streitig machen und hatte endgültig gewonnenes Spiel, als Zweitausend PS, der den Wieserhofern noch am nächsten war, 400 Meter vorm Ziel im Galopp Adieu sagte.
 
Start-Ziel dominierten Be Happy und Victor Gentz eine maßgeschneiderte Aufgabe, zumal das „Stallgeflüster“ Payet viel zu weit aus dem Rennen lag, um die Lauvenburgerin trotz famosem Endspurts in Verlegenheit zu bringen; am Zielstrich fehlte ihm eine halbe Länge. Den Schlusspunkt setzte ein Nimczyk - diesmal Vater Wolfgang, der mit dem familieneigenen Red Lover den mit Michael liierten Best Kept Secret auf Distanz hielt, was durchaus erwartet worden war.
 
Dank der heißen Favoriten Very Impressive S und Mister F Daag, die bei 10:10 nichts zum Geld mehren, wohl aber etwas für die Jagd auf Prämienlose waren, machte der Umsatz knapp unter der 400.000-Euro-Grenze halt und lag damit fast fünf Prozent über dem des Vorjahrs. 
 
Umsatz bei 14 Rennen: 397.624,89 Euro (incl. 255.075,74 Euro Außenwette)